Wenn man vom Bahnhof Finkenkrug aus stadtauswärts dem Schlaggraben folgt, wird der Weg sehr schnell ländlich und idyllisch. Zur Linken fließt träge das Wasser dahin, viele Enten haben hier ihr Zuhause und auch einige Schwäne. Auf der anderen Seite des schmalen Wasserlaufes liegen Grundstücke mit Einfamilienhäusern.
Zur Rechten säumen erst ein paar Pferdekoppeln den Weg, dann öffnet sich der Blick über weite Wiesen bis zur nahen Bahntrasse. Der Weg wird bald zu einem schmalen Trampelpfad und hinter der zweiten Brücke sieht man – etwas abseits vom Weg und ungefähr in der Mitte zwischen Graben und Wald – eine einzelne alte Hainbuche auf der Wiese stehen. Sie steht etwas schief und scheint sich wie ein alter Mann auf Krücken auf einigen ihrer Äste abzustützen, die sich vom Stamm erst waagerecht und dann hinunter zum Boden ausbreiten. Wenn man sich im Sommer unter diesem Baum lagert, sitzt man wie in einer grünen Höhle, durch das dichte Laubwerk von allen Seiten verborgen.
Seit über einhundert Jahren steht die Hainbuche hier schon, sie hat die Kaiserzeit und zwei Weltkriege überlebt. Und am Ende jenes zweiten Krieges trug sich hier die folgende Geschichte zu.
Es war im Frühjahr des letzten Kriegsjahres. In jeder Nacht heulten in Berlin die Sirenen, die Leute waren mehr in Luftschutzkellern als in ihren Wohnungen, wenn sie noch eine hatten. Es wurde immer schwerer, in Berlin zu überleben. Wohl dem, der eine Laube hatte und sich selbst versorgen konnte oder hier in Finkenkrug wohnte, wo die Häuser keinen Schaden genommen hatten.
Da kam eine Frau den Weg entlang, zwei kleine Jungen an den Händen, ein etwas älteres Mädchen lief neben ihr. Sie gelangten zu der alten Hainbuche und krabbelten alle vier hinter das Strauchwerk unter dem Baum. Hier umarmte die Mutter ihre Kinder. „Alles wird gut, glaubt mir. Ihr versteckt euch hier und wartet auf mich. Rührt euch nicht fort und bleibt in eurem Versteck. Ich bin bald wieder da.“
Mehr war nicht zu sagen, sie hatten alles besprochen. Die Kinder nickten müde und teilnahmslos, abgestumpft von den Grausamkeiten, die sie erlebt hatten. Keine Tränen, kein Quengeln – stumm ergaben sie sich in ihr Schicksal.
Die Frühlingssonne schien, aber sie hatte noch keine Kraft, um die kleine Gruppe unter dem Baum zu wärmen. Langsam kroch ihnen die Kälte in die Glieder. Sie versuchten sich gegenseitig zu wärmen, schmiegten sich eng aneinander. Einen kleinen Kanten Brot und eine verbeulte Blechkanne mit Wasser – mehr hatte die Mutter ihnen nicht dalassen können. Langsam sank die Sonne tiefer über die Baumspitzen des nahen Waldrandes und die Dämmerung brach herein. Warum kam die Mutter nicht zurück? Die beiden Jungs fingen an zu weinen, die ältere Schwester versuchte, ihnen Mut zuzusprechen, obwohl sie selbst immer mehr verzagte.
Ein paar Kaninchen sprangen über die Wiese, ein Reh steckte seine Nase zwischen den Bäumen hervor. In der Ferne hörte man Hundegebell, aus dem Wald rief ein Käuzchen.
Das Mädchen ließ ihre Brüder die Geräusche erraten und versuchte sie damit abzulenken, aber das gelang nur kurz. Schließlich mussten sie einsehen, dass die Mutter heute nicht mehr kommen würde, und richteten sich so gut es ging für die kalte Nacht ein. Aber niemand von ihnen fand Schlaf.
Der Morgen brachte leider keine Sonne, sondern feinen Nieselregen, der den kleinen ausgekühlten und ausgezehrten Körpern weiter zusetzte. Das Mädchen überlegte, ob sie losgehen und versuchen sollte, Hilfe zu holen. Doch wenn die Mutter in der Zwischenzeit doch käme, wie sollte sie sie finden? Als endlich der Regen nachließ und die Sonne doch noch durchbrach, wagten sie, ihr Versteck zu verlassen. Sie wärmten sich so gut es ging ein wenig in der Sonne auf und füllten die Blechkanne mit Wasser aus dem Graben. Aber dann hörten sie von ferne auf dem Schotterweg Schritte, viele Schritte, Männerschritte, Soldatenschritte. Schnell liefen sie wieder in ihr Versteck und duckten sich tief unter die überhängenden Zweige. Die Soldaten sahen gar nicht hinüber zu ihnen, liefen zielstrebig direkt in den Wald und waren bald nicht mehr zu hören. Dennoch wagten sie sich an diesem Tag nicht wieder hervor.
Am nächsten Tag plagte nagender Hunger die Kinder. Und dazu kam die Hoffnungslosigkeit in ihren Herzen, die ihnen jede Kraft und jeglichen Mut nahm. Bestimmt war der Mutter etwas Schreckliches zugestoßen, sie glaubten nicht mehr daran, dass sie wiederkommen würde. Aber sie trauten sich nicht aus ihrem Versteck. Und sie wussten auch nicht, wohin sie gehen sollten. Also harrten sie weiter aus.
Wenn nicht immer noch dieser schreckliche Krieg ringsherum getobt hätte, wären sie vielleicht noch rechtzeitig von einem barmherzigen Menschen gefunden worden. Aber jeder war mit sich und seinen Sorgen beschäftigt, für alle stand das nackte Überleben im Vordergrund.
Wie gerne hätte die Hainbuche den armen Kindern geholfen, aber es lag nicht in ihrer Macht.